App hilft bei der Sturzprävention

Je älter wir werden, desto wahrscheinlicher wird es, dass wir stürzen. Etwa jeder dritte Mensch über 65 Jahre stürzt mindestens einmal im Jahr. In diesem Lebensabschnitt führen solche Unfälle häufig zu schwerwiegenden Einschnitten im Leben, die von der dauerhaften Einschränkung der Beweglichkeit über Knochenbrüche bis hin zum Verlust der selbstständigen Fortbewegung und Lebensführung reichen. Man kann schnell zum Pflegefall werden. Stürze und ihre Folgen belasten so nicht nur die Betroffenen und ihre Familien, sondern auch das Gesundheitssystem. Genau hier setzt die digitale Mobilitätsanalyse von Lindera an: Mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) analysiert sie ganz einfach per App und Smartphone das Sturzrisiko einer Person und schlägt individuelle Maßnahmen zur Prophylaxe vor. 

Im Interview erklärt Diana Heinrichs, Gründerin und CEO von Lindera, wie die Idee zur digitalen Gesundheitsanwendung entstanden ist, welche innovativen Technologien darin stecken und welche Chancen sich damit für Patientinnen und Patienten sowie Pflegekräfte eröffnen. 

Frau Heinrichs, wie ist die Idee zu Lindera entstanden?

Lindera habe ich mit dem Ziel gegründet, die Gesundheitsversorgung und Pflege mit intelligenten Technologien nachhaltig zu verbessern. Die Idee dazu kam mir durch die Pflegebedürftigkeit meiner Oma. Sie konnte bis zu ihrem Lebensende zu Hause wohnen – dank der Unterstützung meiner Familie und der häuslichen Pflege. Doch auch unser enges Betreuungs-Netzwerk konnte nicht verhindern, dass sie immer häufiger stürzte. Mit unserer digitalen Mobilitätsanalyse wollen wir den Mobilitätserhalt und die Sturzreduktion bei älteren Menschen systematisch angehen. Mit Hilfe der Gangbildanalyse per App und der empfohlenen Maßnahmen zur Sturzprävention stärken wir deren eigenes Vertrauen in ihre Mobilität und ermöglichen ihnen, länger mobil und selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden zu leben. 

Diana Heinrichs
Gründerin und CEO von Lindera

Wie funktioniert die Lindera-Mobilitätsanalyse?

Unsere KI-basierte Mobilitätsanalyse funktioniert in drei einfachen Schritten: Wir nehmen ein 30-sekündiges Video vom Gang einer Person mit der Smartphone-Kamera auf, füllen einen psychosozialen Fragebogen in der Lindera-App aus und schon erhalten wir eine Analyse des Sturzrisikos – inklusive eines individuellen Maßnahmenplans zur Sturzvermeidung. Damit werden präzise und objektive Bewegungsanalysen an Ort und Stelle möglich – im heimischen Wohnzimmer oder in der Pflegeeinrichtung.  

Was wird in diesem Fragebogen abgefragt?

Der psychosoziale Fragebogen ist neben der Videoaufnahme der zweite wichtige Bestandteil unserer Mobilitätsanalyse. Beide sind essenziell für eine umfassende Identifikation der Sturzrisikofaktoren. Unser Fragebogen basiert auf dem Expertenstandard „Sturzprophylaxe“, den wir mit unserer Lösung eins zu eins umsetzen. Das Gangbild analysieren wir anhand medizinisch validierter Bewegungsparameter – das ist wichtig für eine objektive Gangbildanalyse.

Was wir im Gangbild allein nicht sehen können, sind Faktoren wie etwa Schwindel, Sturzangst, Kribbeln in den Füßen oder die Einnahme von Medikamenten. Hier kommt der Fragebogen ins Spiel. Mit dieser Hilfe können wir den persönlichen Hintergrund, die Sturzvorgeschichte und weitere Risikofaktoren in die Mobilitätsanalyse einbeziehen. Dazu gehören etwa auch Beeinträchtigungen durch Vorerkrankungen, tägliche Routinen und Fragen zur Wohnsituation. Auf dieser Basis kann unsere künstliche Intelligenz eine präzise Analyse des Sturzrisikos und möglicher Maßnahmen zur Sturzprophylaxe treffen. Der Sturzgrad ergibt sich auf Grundlage dieser evidenzbasierten Risikofaktoren. Je mehr Risikofaktoren vorliegen und je ausgeprägter jeder einzelne ist, desto höher ist der Sturzgrad.

Was zeichnet die Lindera-Mobilitätsanalyse aus?

Konventionelle Sturzanalysen benötigen viel Zeit und beruhen auf der subjektiven Einschätzung der Ärzte oder Pflegefachkräfte. Wir haben die Analyse der Risikofaktoren und die Maßnahmenplanung mit Hilfe von künstlicher Intelligenz digitalisiert. Als bislang einziger Anbieter digitaler Gesundheitslösungen analysieren wir alle medizinisch validierten Bewegungsparameter für eine Gangbildanalyse ganz einfach über die handelsübliche Smartphone-Kamera. Damit haben wir europaweit neue, wissenschaftlich validierte Standards beim Einsatz digitaler Hilfsmittel in der Pflege geschaffen. Eine Neuartigkeit, die uns auch das europäische Patentamt anerkannt hat. Mit der Lindera-App verkürzen wir die Zeit für eine Gangbildanalyse deutlich. Damit gewinnen Ärzte und Pflegefachkräfte Zeit für die Beratung und Pflege der Senioren.  

Welche Vorteile ergeben sich daraus für die Anwender und ihre Angehörigen?

Die präzise Ermittlung des Sturzrisikos und der darauf basierende Maßnahmenplan tragen dazu bei, das Sturzrisiko aktiv zu senken. Die genauen Ergebnisse helfen, sowohl die Betroffenen als auch die Angehörigen für das Tabuthema Sturz zu sensibilisieren und die nächsten Schritte systematisch anzugehen. Mit der Lindera-App werden die Fortschritte (oder auch Rückschritte) in der Entwicklung schwarz auf weiß aufgezeigt und die empfohlenen Maßnahmen individuell darauf abgestimmt. Grundlage für die empfohlenen Maßnahmen ist unsere Datenbank mit mehr als 400 Empfehlungen aus über 150 wissenschaftlichen Quellen, die die Mobilität der sturzgefährdeten Seniorinnen und Senioren fördern können. Sie reichen vom richtigen Schuhwerk über orthopädische Behandlungen bis hin zur Beschaffung eines Rollators. 

Der Tipp der Expertin: Mit dem neuen Digitale-Versorgungs-Gesetz haben die 73 Millionen gesetzlich Versicherten einen Leistungsanspruch auf die Versorgung mit einer sogenannten digitalen Gesundheitsanwendung (DiGA). Ärzte und Psychotherapeuten können diese verschreiben, die Kosten werden durch die Krankenkasse erstattet. Die ersten erstattungsfähigen Anwendungen werden voraussichtlich im Herbst zugelassen. Sprechen Sie Ihren Arzt darauf an und profitieren Sie von den Möglichkeiten innovativer Technologien. 

Weiterführende Infos: In unserem Artikel zum Thema Sturzprophylaxe finden Sie wichtige Hinweise, Tipps und Tricks, wie sich Stürze vermeiden lassen. Übrigens: Wussten Sie, dass Hausnotruf-Dienste zum Teil auch Sturzmelder anbieten? Erfahren Sie mehr darüber hier. Falls Sie sich generell dafür interessieren, wie Sie durch Technik Ihren Alltag sicherer gestalten können, empfehlen wir Ihnen unseren Beitrag über Ambient Assisted Living (AAL)

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