Einsamkeit tut weh und verkürzt das Leben

Einsamkeitsgefühle können nicht nur sehr quälend sein, sie machen auch krank und verkürzen das Leben. Zu diesem Ergebnis sind bereits verschiedene Studien gekommen. Forscher konnten zudem nachweisen, dass Einsamkeit buchstäblich als schmerzhaft empfunden werden kann. Umso wichtiger ist es, einer Vereinsamung im Alter aktiv entgegenzuwirken. Diese entsteht etwa durch den Übergang vom Berufsleben in die Rente, das Dahinscheiden des Partners oder der alten Freunde und Weggefährten sowie die abnehmende Mobilität, die dazu führt, dass man immer seltener das Zuhause verlässt. Einsamkeit im Alter ist jedoch kein natürlicher Zustand und darf auch nicht als solcher hingenommen werden. Das betont der Psycho- und Paartherapeut sowie Buchautor Dr. Stefan Woinoff. In unserem Interview klärt er über die Problematik von Einsamkeit auf und gibt Tipps, wie auch ältere Menschen aus ihr herauskommen können. 

Herr Dr. Woinoff, warum wird Einsamkeit als schmerzhaft empfunden?

Forscher haben durch Gehirnuntersuchungen herausgefunden, dass Schmerz und das Gefühl der Einsamkeit beziehungsweise des Ausgeschlossen-Seins im selben Hirnareal „empfunden“ werden, nämlich im sogenannten „Alarmzentrum“ des Gehirns. Das hat evolutionäre Gründe: Bei unseren Vorfahren in der Steinzeit war der Ausschluss aus der Sippe mindestens genauso bedrohlich für Leib und Leben wie ein körperlicher Schmerz. Daher wird beides als schmerzhaft empfunden.  

Dr. Stefan Woinoff

Psycho- und Paartherapeut sowie Buchautor

Verkürzt Einsamkeit tatsächlich das Leben?

Einsamkeit ist ein starker psychischer Stressfaktor, der, wenn er lange anhält, erhebliche körperliche oder seelische Symptome hervorrufen kann, etwa Bluthochdruck, Schlafstörungen, Verdauungsstörungen, Gefäßerkrankungen oder Depressionen. Alle diese gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit können das Leben verkürzen. 

Nehmen Senioren Einsamkeit anders wahr als junge Menschen?

Nein, alle Menschen leiden darunter, einsam zu sein – manche allerdings mehr, andere weniger. Bei Senioren kommt aber hinzu, dass sie es als quasi „natürlich“ empfinden, im Alter einsam zu sein, und deswegen weniger dagegen tun. Aber gerade im Alter sollte jeder darauf achten, nicht zu viel allein zu sein. 

Was können ältere Menschen tun, um der Einsamkeit zu entfliehen? Haben Sie Tipps? 

Als Erstes und Wichtigstes: Einsamkeit im Alter nicht als gottgegeben hinnehmen. Es gibt viele Möglichkeiten, im Alter aktiv zu werden, Menschen zu treffen und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das beste Mittel gegen Einsamkeit ist eine Partnerschaft. Inzwischen gibt es speziell für ältere Singles vielfältige Angebote, unter anderem Online-Partnerbörsen, die genau auf die Bedürfnisse älterer Menschen zugeschnitten sind. Hier kann man neue Menschen kennenlernen, auch wenn man im Alltag kaum die Möglichkeit hat, neue Kontakte zu knüpfen. 

Ob Jung oder Alt: Manche Menschen sind eher schüchtern und haben Schwierigkeiten, auf andere zuzugehen. Was kann man dagegen tun?

Schüchternheit kann man überwinden, „Menschen kennenlernen“ kann man lernen, in Kursen, aus Büchern, von Freunden. Aber auch hier sind Online-Angebote hilfreich, weil es gerade zurückhaltenden Menschen hilft, einen ersten Schritt zu machen. Hier kann jeder relativ „gefahrlos“ suchen und gefunden werden, ohne sich emotional zu überfordern.  

Ist es prinzipiell möglich, trotz Einsamkeit glücklich zu sein – etwa durch sportliche Aktivität, Meditationsübungen oder sonstigen Dingen, die guttun und erfüllend sind?

Wer sich einsam fühlt, ist nicht glücklich. Aber wer allein ist, muss sich nicht automatisch einsam fühlen. Einsamkeit ist eher ein Gefühl des Ausgeschlossen-Seins und weniger des Allein-Seins. Nicht wenige Menschen fühlen sich zum Beispiel sehr „eingeschlossen“ und aufgehoben, wenn sie allein in der Natur sind – und dann auch glücklich. Es gibt viele Dinge, die man allein manchen kann und die einen glücklich machen können, gerade weil sie dabei helfen, sich nicht einsam zu fühlen. Als ein Gegenüber, mit dem man in Beziehung tritt, kann auch etwas anderes als ein Mensch dienen, zum Beispiel die Natur, ein Buch oder auch spirituelle Erfahrungen. 

Der Tipp unseres Experten: Einsamkeit ist etwas, wofür sich Menschen nicht selten schämen. Wenn man diese Scham aber überwindet und sich als einsamer Mensch „outet“, ist schon der erste und entscheidende Schritt gegen die Einsamkeit getan: Man nimmt Kontakt mit anderen Menschen auf und wird sicher auch Menschen treffen, denen es genauso wie einem selbst geht.

Weiterführende Infos: Einsamkeit ist auch ein häufiger Grund für eine Alkohol- und/oder Tablettensucht bei Senioren. Lesen Sie dazu unseren Artikel „Sucht im Alter“. Wie Sie der Einsamkeit entfliehen können, erfahre Sie hier

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