Ernährung im Alter: Vorsicht bei Diäten

Was wir essen, beeinflusst maßgeblich unsere Gesundheit, unsere Leistungsfähigkeit und unser allgemeines Wohlbefinden. Wer sich gesund ernährt, beugt etwa Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch bestimmten Krebsarten vor. Die Ernährung im Alter ist dabei von besonderer Bedeutung, denn Seniorinnen und Senioren sind im Allgemeinen anfälliger für Krankheiten und haben geringere körperliche Reserven. 
Doch welche Besonderheiten müssen ältere Menschen bei ihrer Ernährung beachten und welche Fehler sollten sie unbedingt vermeiden? Wie können sie gesund abnehmen? Und kann die Ernährung das Risiko oder den Verlauf einer Demenzerkrankung beeinflussen? Diese und weitere Fragen beantwortet uns Prof. Dr. Jürgen M. Bauer, Direktor des Netzwerkes Altersforschung der Universität Heidelberg und Ärztlicher Direktor des AGAPLESION Bethanien Krankenhaus Heidelberg.  

Herr Bauer, welche Besonderheiten müssen ältere Menschen bei ihrer Ernährung beachten?

Prinzipiell unterscheidet sich eine gesunde Ernährung im höheren Lebensalter nicht von einer gesunden Ernährung in jungen Jahren. In beiden Fällen sind etwa mediterrane Mischkost und ein abwechslungsreicher Speiseplan zu empfehlen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung spricht im Allgemeinen keine besonderen Ernährungsempfehlungen für ältere Menschen aus. Ausnahme: Menschen über 65 sollten rund 25 Prozent mehr Proteine zu sich nehmen. 

Zu beachten ist allerdings, dass ältere Menschen aufgrund ihrer in der Regel abnehmenden körperlichen Aktivität mit zunehmendem Alter weniger essen. Daher sollte ihre Ernährung besonders hochwertig sein, sodass sie auch bei geringerer Essensmenge alle essenziellen Mikronährstoffe wie Vitamine oder Spurenelemente in ausreichendem Maße zu sich nehmen.

Prof. Dr. Jürgen M. Bauer

Direktor des Netzwerkes Altersforschung der Universität Heidelberg und Ärztlicher Direktor des AGAPLESION Bethanien Krankenhaus Heidelberg

Welche Ernährungsfehler sollten im Alter unbedingt vermieden werden?

Grundsätzlich gilt: Im höheren Lebensalter, also etwa ab dem 75. Lebensjahr, sollte man auf Diäten und Ernährungsumstellungen eher verzichten. Da in diesem Alter die Lust am Essen aufgrund von nachlassendem Geschmacks- und Geruchssinn sowie wegen der geringer werdenden körperlichen Aktivität ohnehin sinkt, sollte sie nicht durch kulinarische Einschränkungen noch weiter gemindert werden. Erhält beispielsweise ein 80-jähriger Senior die Empfehlung, sich salz- oder fettarm zu ernähren – etwas, was in jüngeren Jahren sicherlich sinnvoll sein kann –, besteht die Gefahr, dass sein Appetit noch mehr abnimmt und es zu einer gefährlichen Mangelernährung kommt. Zu den möglichen Folgen zählen etwa Muskel- und Knochenschwund, was wiederum das Risiko von Stürzen und Knochenbrüchen erhöht.

Hingegen ist es bei Menschen zwischen 45 und 70 vor allem wichtig, nicht zu viel zuzunehmen und auf ein konstantes Gewicht im grünen Bereich zu achten. Ideal ist ein BMI (Body-Mass-Index) von 22 bis 27. Leider gibt es heutzutage eine hohe Rate an übergewichtigen bis hin zu stark adipösen Menschen auch im höheren Lebensalter. Die Adipositas wirkt sich unter anderem auf die Körperstatik aus und führt zu schmerzhaften Problemen mit dem Bewegungsapparat.

Wie können ältere Menschen mit Übergewicht gesund abnehmen?

Hier muss man sehr vorsichtig sein, denn bei einer Gewichtsabnahme im höheren Lebensalter schwindet nicht nur das Körperfett, sondern auch die Muskulatur. Daher sollte das Abnehmen am besten unter fachlicher Aufsicht geschehen – also etwa mit einem Ernährungsmediziner an der Seite. Es muss unter anderem sichergestellt werden, dass der Senior weiterhin genug Proteine zu sich nimmt und regelmäßig trainiert. In diesem Zusammenhang besitzt Krafttraining zum Muskelerhalt eine besondere Bedeutung. Die Gewichtsabnahme darf auf keinen Fall zu schnell erfolgen – man darf sich keine steilen Ziele setzen. Eine moderate Gewichtsreduktion kann vornehmlich durch mehr Bewegung erreicht werden. Oft ist ein solcher Ansatz im Alter vollkommen ausreichend.  

Ist eine vegane Ernährung im Alter empfehlenswert?

Es ist nicht abschließend geklärt, wie sich eine vegane Ernährung im Alter auf die Gesundheit und das körperliche Wohlbefinden auswirkt. Hierzu gibt es bisher noch keine verlässlichen Studien. Prinzipiell würde ich jedoch, wie schon erwähnt, von Ernährungsumstellungen im Alter eher abraten. Eine Umstellung zu einem veganen Speiseplan wäre selbst für einen Vegetarier eine bedeutende Veränderung, denn der Veganismus stellt doch eine extreme Form der Ernährung dar. 

Kann die Ernährung das Risiko oder den Verlauf einer Demenzerkrankung beeinflussen?

Leider darf man sich beim Thema Demenz nicht allzu viel von der Ernährung erhoffen. Sie spielt zwar durchaus eine Rolle, aber nur indirekt. So kann man durch eine gute Ernährung etwa das Risiko kardiovaskulärer Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes, die wiederum zu den Risikofaktoren für Demenz zählen, senken. Zudem ist es wichtig, einen Mangel an bestimmten Stoffen wie zum Beispiel Vitamin B12 – verursacht etwa durch extreme Diäten – zu vermeiden, denn das kann den kognitiven Abbau im Alter beschleunigen. Insgesamt spielt jedoch unser Speiseplan eher eine untergeordnete Rolle im Hinblick auf die Vermeidung oder Verlangsamung von Demenz. Körperliche und geistige Aktivität sind wesentlich wirkungsvollere Maßnahmen.

Zu beachten ist aber, dass eine bereits an Demenz erkrankte Person möglichst kein Gewicht verlieren sollte. Denn gerade bei Menschen mit Demenz kann Muskelschwund und ein damit einhergehendes erhöhtes Sturzrisiko fatal sein. Das Umfeld sollte daher das Gewicht des oder der Demenzerkrankten regelmäßig kontrollieren, also etwa einmal pro Woche. Wie das Gewicht gehalten wird, ist in solchen Fällen zweitrangig – wenn nötig, können auch die eher wenig gesunden Lieblingsgerichte des oder der Betroffenen zubereitet werden.

Was halten Sie von Fasten beziehungsweise Intervallfasten? Verlangsamt es tatsächlich den Alterungsprozess?

Aus meiner Sich gibt es keine stichhaltigen Hinweise darauf, dass das Fasten beziehungsweise Intervallfasten tatsächlich den Alterungsprozess der Organe verlangsamt. Derlei Behauptungen werden in der Regel von Tierexperimenten abgeleitet, die viel zu unkritisch auf den Menschen übertragen werden. Im mittleren Lebensalter könnte Intervallfasten vielleicht eine angemessene Methode sein, um Übergewicht zu reduzieren – allerdings gibt es auch hierzu noch zu wenige Studien. Im höheren Lebensalter rate ich jedoch von jeder Form des Fastens ab, denn auch Fasten erhöht das Risiko des Muskelschwundes.  

Im hohen Lebensalter müssen viele Menschen in eine stationäre Pflegeeinrichtung umziehen. Wie beurteilen Sie im Allgemeinen die Verpflegung in deutschen Heimen?

In Deutschland wird die Verpflegung in Pflegeheimen kontrolliert und stellt ein Qualitätskriterium dar. Ich persönlich habe Ernährungsrichtlinien für die stationäre Pflege mitentworfen und setze mich dafür ein, dass auch bei Krankenhäusern eine solche Qualitätskontrolle eingeführt wird – bisher hat sich die Politik aber leider nicht darum gekümmert.

Natürlich kann man nicht erwarten, dass das Essen im Heim traumhaft ist und immer genau dem eigenen Geschmack entspricht. Insgesamt bewegen wir uns jedoch, was die Qualität der Verpflegung in der stationären Pflege betrifft, hierzulande in einem guten Bereich.

Wichtig ist, dass man sich bei der Suche nach einer passenden Einrichtung auch die Art und Qualität der angebotenen Kost anschaut. Das ist ein Kernkriterium, denn wie bereits erwähnt: Eine hochwertige Ernährung und die Lust am Essen sind im Alter von entscheidender Bedeutung.  

Wo können sich ältere Menschen in Sachen Ernährung beraten lassen?

Sie können sich von anerkannten Ernährungsberatern, Diätassistenten oder Ökotrophologen beraten lassen. Manche Krankenkassen bezuschussen Ernährungsberatungen von zertifizierten Anbietern oder bieten selbst Beratung beziehungsweise Beratungskurse an. Für nähre Informationen sollte man sich an die eigene Kasse wenden. 

Natürlich kann man auch Bücher und Ratgeber von seriösen Quellen zum Thema Ernährung lesen und sich auf diese Weise viel Wissen aneignen. Ich empfehle aber zunächst einmal eine persönliche Beratung durch einen Fachmann, die auf die individuelle Situation zugeschnitten ist. 

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Der Tipp des Experten

Wenn Sie älter als 50 sind, sollten Sie Phasen des Fastens – sei es etwa aufgrund eines Krankenhausaufenthaltes oder aus psychischen Gründen – unbedingt vermeiden. Das Gewicht sollte möglichst konstant bleiben. Achten Sie stets darauf, dass Sie auch bei nachlassendem Appetit genug Kalorien und Eiweiß sowie Vitamine und Spurenelemente zu sich nehmen.

Weiterführende Infos: Wer im höheren Lebensalter nicht mehr die Kraft hat, sich jeden Tag warme Mahlzeiten zuzubereiten, kann sich sein Essen liefern lassen. Lesen Sie dazu unseren Artikel „Essen auf Rädern“.
Neben der Ernährung ist es für die Gesundheit auch sehr wichtig, sich ausreichend zu bewegen. Wussten Sie, dass zur grundpflegerischen Versorgung durch einen Pflegedienst auch Bewegungsübungen gehören? Erfahren Sie mehr darüber in unserem Artikel „Mobilisation in der Pflege“. Zum Thema geistig-seelische Gesundheit können Sie sich in unserem Bereich „Psychische Erkrankungen im Alter“ umschauen, wo Sie unter anderem Artikel über Demenz oder Depression im Alter finden.

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