Freizeitgestaltung für Menschen mit Demenz

Demenzkranken Menschen ist es mit dem Fortschreiten ihrer Erkrankung immer weniger möglich, ihren alten Hobbies und Freizeitbeschäftigungen in gewohnter Weise nachzugehen. Das geht soweit, dass selbst ein normaler Fernsehabend problematisch wird. Pflegende Angehörige, die einen Menschen mit Demenz betreuen, wissen daher oft nicht, wie sie die gemeinsame Freizeit gestalten sollen. Welche Beschäftigungen eignen sich überhaupt noch? Was genau muss ich bei der Freizeitgestaltung beachten? Und wie wichtig sind Sport und Bewegung? Fernsehmoderatorin, Schauspielerin und Demenzaktivistin Sophie Rosentreter gibt Antworten. 

Frau Rosentreter, was muss man bei der Freizeitgestaltung für Menschen mit Demenz beachten? 

Man sollte darauf achten, dass man den demenzerkrankten Menschen weder über- noch unterfordert. Die Balance zwischen Unterforderung und Überforderung jeden Tag neu zu finden, ist natürlich eine Herausforderung. Aber wenn ich ein Gefühl dafür entwickle, steht einer sinnvollen Freizeitgestaltung nichts im Wege. Ich verstehe dann meinen demenziell veränderten Mitmenschen besser und lerne, vielschichtiger mit ihm zu kommunizieren sowie Beschäftigungen für ihn zu finden, die ihn erfüllen.  

Bild für TdM-Interview, Eigenrechte
Sophie Rosentreter,
Fernsehmoderatorin, Schauspielerin und Demenzaktivistin

Wie können erfüllende Beschäftigungen für Menschen mit Demenz aussehen?

Besonders erfüllend für Menschen mit Demenz sind Beschäftigungen, die ihr Selbstwertgefühl stärken. Das können zum Beispiel kleinere Arbeiten im Haushalt sein. Diese vermitteln Betroffenen das Gefühl, dass sie noch was können und weiterhin gebraucht werden. So kann etwa ein gemeinsames Kuchenbacken sehr spaßig und angenehm sein.

Auch sehr wichtig sind Sport und Bewegung. Diese führen dazu, dass sich der Mensch mit Demenz nicht nur körperlich, sondern auch seelisch besser fühlt. Das geht etwa durch Tanzen, Gymnastik oder Ergotherapie. Wie auch bei anderen Beschäftigungsarten gilt hier: Zum einen ist es die wiederkehrende Struktur, die demenzerkrankten Menschen Halt gibt, zum anderen die abwechslungsreiche Anregung über die Sinne. Aber natürlich brauchen auch demenziell veränderte Personen Pausen. Und da sind wir wieder beim Unter- beziehungsweise Überfordern.  

Und wie können solche Pausen im Alltag gestaltet werden?

Eine Pause kann eine Ruhepause im Sessel am Fenster, eine Tasse Kaffee auf dem Balkon, ein vorgelesenes Märchen oder ein Einnicken vor dem Fernseher sein. Hauptsache, der demenzerkrankte Mensch fühlt sich wohl und entspannt sich.  

Ist das herkömmliche Fernsehprogramm für Menschen mit Demenz geeignet?

Wenn der demenziell veränderte Mensch und der oder die Angehörige über das gemeinsame Anschauen von Sendungen eine Beziehung vertiefen, sich gemeinsam an das Gesehene erinnern und ein Lachen oder eine Träne teilen, dann kann Fernsehen – das moderne Lagerfeuer – ein wunderbares Erlebnis sein. Normales Fernsehen ist allerdings für Menschen mit Demenz problematisch. Werbung, Nachrichten, Dokumentationen oder bestimmte Inhalte in einem Film können Erinnerungen triggern, die Unruhe, Unwohlsein, Überforderung oder Angst mit sich bringen – und gegebenenfalls lange nachhallen. Deshalb habe ich vor zehn Jahren angefangen, Filme für Menschen mit Demenz zu produzieren. Diese gehen über das Gefühl, nicht über den Verstand. Es sind lange Einstellungen – Bilder, die das Herz berühren. Hundebabys, Natur, Kinder, eine Familie, die ein Picknick macht, oder Rolf Zuckowski, der mit seinem Sohn ein Lied singt. Der Zuschauer muss keinen Dialogen folgen, um den Inhalt zu verstehen. Die Bilder stehen für sich und sind untermalt mit stimmungsvoller Musik.  
 

Wie können negative Reaktionen auf herkömmliches Fernsehen aussehen?

Geschichten wie die folgende werden mir ständig berichtet: „Mutter sah fern. Plötzlich kam sie zu mir ins Zimmer und erzählte aufgebracht, dass die Nazis wieder da wären.“ Ich habe auch mal erlebt, wie eine Frau, die gerade im Heim Nachrichten schaute, beim Geräusch einer Explosion „Dies ist keine Übung!“ schrie und sofort in einen imaginären Bunker wollte. Eine andere demenziell veränderte Dame hielt sich wimmernd und klammernd an meinen Armen fest, als sie am frühen Nachmittag eine Nonnenserie im Gemeinschaftsraum sah. Ihr ging es erst besser, als ich den Fernseher ausmachte und wir in den Garten gingen.  
 

Kommt also herkömmliches TV gar nicht infrage für Menschen mit Demenz?

Nein, das kann man so pauschal nicht sagen. Auch in unserem alltäglichen Fernsehprogramm finden sich einige geeignete Inhalte. Diese können etwa eine Tierreportage, der Musikantenstadl oder Loriot sein. Dazu empfehle ich die „Silberfilm TV Tipps“. 

Welche TV-Angebote gibt es speziell für Menschen mit Demenz?

Ilses weite Welt, GoldenSummer.TV oder De BeleefTV sind allesamt Marken für demenzgerechte TV-Inhalte. Es tut sich was auf dem Markt – aber aus meiner Sicht viel zu schleppend. Angehörige und auch professionelle Pflegerinnen und Pfleger sollten verstehen, dass das Bewegtbild viele schöne Emotionen hervorrufen kann. Es kann ein wunderbarer Weg, eine Brücke in die Seele des Gegenübers sein. Gemeinsames Schauen hat therapeutisches Potenzial und kann die Seele zum Leuchten bringen.  

Der Tipp der Expertin: Versuchen Sie, Menschen mit Demenz so gut wie möglich in ihrer Selbstständigkeit zu unterstützen. Seien Sie dabei geduldig mit ihnen. Machen Sie Handlungen vor, anstatt umständlich zu erklären und ständig zu korrigieren. Wenn zum Beispiel der demenziell veränderte Mensch beim gemeinsamen Kochen etwas umrühren soll, dann nehmen Sie seine Hand und führen Sie mit ihm zusammen die Rührbewegung aus. Vergessenes kann so wieder erlernt werden.

Weiterführende Infos: Interessieren Sie sich für spezielle TV-Angebote, die sich an Menschen mit Demenz richten? Lesen Sie dazu unseren Interview-Beitrag über GoldenSummer.TV aus dem Themenmonat Mai, in dem Demenz ebenfalls das Thema des Monats war. Mehr Informationen rund um Demenz finden Sie in unserem Dossier Alzheimer und andere Formen der Demenz sowie in unserem Artikel Pflege bei Demenz. Übrigens: Sophie Rosentreter hat eine eigene Videokolumne bei uns, in der Sie regelmäßig neue Ratschläge und Tipps zum Thema Demenz gibt. Ihre Videobeiträge finden Sie in Facebook oder in YouTube unter #mitDEMENZleben.  

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