Gehirnjogging – wirksames Anti-Aging für den Geist?

Bis ins hohe Alter fit im Kopf bleiben, das wünschen wir uns alle – für uns selbst wie auch für unsere Liebsten. Doch im Herbst des Lebens lässt unsere geistige Leistungsfähigkeit zunehmend nach und das Risiko einer Demenzerkrankung steigt. Um dem entgegenzuwirken, versuchen es viele Seniorinnen und Senioren mit Gehirnjogging. Sie lösen Kreuzworträtsel, spielen Sudoku oder betreiben Gedächtnistraining am Computer – in der Hoffnung, ihre geistige Fitness zu verbessern oder zumindest den Status quo zu halten.   
Doch bringt Gehirnjogging tatsächlich, was es verspricht? Oder gibt es bessere Methoden, den Geist auf Trab zu halten? Und welche Rolle spielen soziale Kontakte für die geistige Fitness im Alter? Diese und weitere Fragen beantwortet uns der renommierte Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth vom Institut für Hirnforschung der Universität Bremen sowie vom Roth-Institut Bremen.

Herr Roth, was können ältere Menschen tun, um sich geistig fit zu halten?

Das Nachlassen geistiger Fitness im Alter ist ein natürlicher Prozess, der in seiner Art und seiner Schnelligkeit zum Teil genetisch, aber auch durch individuelle Verhaltensweisen bedingt ist. Ein Medikament, das diesen Prozess ohne eigenes Zutun aufhalten kann, gibt es trotz vieler Versprechen nicht. Dinge, die man selbst beeinflussen kann, sind:

Erstens eine gesunde und ausgewogene Ernährung und Kontrolle des Körpergewichts. Man hat Hinweise darauf, dass bestimmte Bestandteile einseitiger Ernährung die Ausbildung von Altersdemenz beschleunigen können, aber da muss noch viel geforscht werden.

Zweitens Bewegung und Sport, soweit möglich. Bewegung und Sport halten nicht nur den Körper fit, sondern führen auch neben einer besseren Hirndurchblutung zur erhöhten Ausschüttung bestimmter Stoffe im Gehirn, wie Dopamin (fördert Motivation), Serotonin (fördert die psychische Ausgeglichenheit) und hirneigenen Opioiden (erhöht die Lebensfreude).

Drittens eine andauernde anspruchsvolle und anstrengende (!) geistige Tätigkeit, welche zu einer erhöhten Tätigkeit der dafür zuständigen Gehirnteile (Großhirnrinde) führt. Das Gehirn ist zwar kein Muskel, braucht aber genauso Betätigung! 

Prof. Dr. Dr. Gerhard Roth

Hirnforscher vom Institut für Hirnforschung der Universität Bremen sowie vom Roth-Institut Bremen

Was lässt sich durch Gehirnjogging erreichen? Kann die Denkleistung tatsächlich erhöht werden?

Die meisten Ratschläge zum „Gehirnjogging“ einschließlich Kreuzworträtsel-Lösen sind nicht anspruchsvoll genug, außerdem handelt es sich meist um zeitlich kurze Tätigkeiten. Wenn überhaupt ein Effekt auftritt, ist er schon nach Stunden verschwunden. Viel wichtiger ist es, sich über viele Jahre hinweg täglich über Stunden geistig anzustrengen. Auch das vielfach angepriesene Gehirntraining übers Wochenende (meist überteuert) hat nur geringe Effekte, und diese sind schon nach wenigen Tagen wieder verschwunden.  

Was versteht man unter „Transfereffekten“ in der Neurowissenschaft? Treten diese auch bei Gehirnjogging auf?

Transfereffekte betreffen die Übertragung der Effektivitätssteigerung bei einer bestimmten geistigen Aufgabe auf ganz andere Aufgaben, so wie man meint, häufiges Kreuzworträtsel-Lösen würde einen Menschen generell geistig fitter machen. Leider stimmt das nicht, man wird nur im Kreuzworträtsel-Lösen fitter. Die meisten Gehirnjogging-Ratschläge sind eben viel zu begrenzt und trainieren nur ganz spezifische Denkleistungen. Viel wichtiger sind geistige Beschäftigungen, die vielseitige mentale Anstrengungen und vielseitige Tätigkeiten erfordern, etwa ein fremdes Land bereisen, sich in dessen Geschichte einlesen, dessen Sprache lernen, neue Leute kennenlernen usw. oder einen Schuppen planen und bauen, sich in ein neues Wissensgebiet einarbeiten, einen neuen Gesprächskreis konzipieren und organisieren.  

Ist Gedächtnistraining am Computer sinnvoll oder Zeitverschwendung?

Es kommt auf die Vielseitigkeit, die Häufigkeit und Dauer des Gedächtnistrainings an. Zudem muss ein solches Training durch Bewegung und praktisches Tun ergänzt werden. Nur vor dem Computer hocken und irgendwelche Probleme lösen ist geistig nicht besonders förderlich!  

Es heißt, Videospiele hätten das Potenzial, das Demenz-Risiko zu senken, da die Bewegung im virtuellen Raum eines Videospiels eine ähnliche Auswirkung auf das Gehirn wie Bewegung in der realen Welt habe. Können Sie das bestätigen?

Das ist nicht wissenschaftlich nachgewiesen, aber auch nicht widerlegt (beides zu überprüfen, ist methodisch sehr schwierig). Wenn Videospiele einen Effekt haben, dann nur rein gedanklich, und das wäre zu wenig, denn das praktische Tun ist genauso wichtig. Diejenigen Gehirnfunktionen, die bei virtuellen Bewegungen, auch beim Anschauen von Bewegungen, aktiv sind, strengen das Gehirn nicht genügend an, auch wenn sie geistig anspruchsvoll sind. Besser ist es, diese Spiele durch körperliche Übungen zu ergänzen.

Welche Rolle spielen soziale Kontakte für die geistige Leistungsfähigkeit älterer Menschen und welche Auswirkungen kann Einsamkeit haben?

Soziale Einsamkeit lähmt nicht nur unsere Gefühle, sondern auch unsere geistigen Tätigkeiten, denn unser Gehirn ist nun einmal ein soziales Organ. Soziale Kontakte führen zum Ausstoß des Bindungshormons Oxytocin, das wiederum über den Beruhigungsstoff Serotonin und hirneigene Opioide unser Wohlbefinden steigert, und über Dopamin uns motivational-geistig anregt. Aber Gespräche allein sind nicht hinreichend, sondern sie müssen geistig anregend sein.  

Stimmt es, dass stundenlanges Fernsehen im Alter den kognitiven Abbau beschleunigen kann?

Stundenlanges Fernsehen ist meist sprichwörtlich geistlos, da es geistig anstrengungslos geschieht – man lässt sich ja einfach berieseln, ohne selbst etwas tun zu müssen. Dies beschleunigt den geistigen Abbau, während neben gesunder Ernährung die körperliche und geistige Aktivität ihn verlangsamt und das mögliche Eintreten von Altersdemenz teilweise um Jahre hinausschiebt.  

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Der Tipp des Experten

Insgesamt muss man genau das Gegenteil von dem tun, was viele Menschen im Alter anstreben und junge Menschen von ihrem Alter erträumen, nämlich endlich in Ruhe gelassen werden, sich ausschlafen können, ein bequemes Leben führen. Nur wer die körperliche und geistige Unruhe in sich wachhält, bleibt im Alter fit.

Weiterführende Infos: Schauen Sie sich auch in unserem Bereich „Psychische Erkrankungen“ um, wo Sie verschiedene Artikel rund um das Thema geistig-seelische Gesundheit finden, zum Beispiel über Demenz oder Depression im Alter. In unserem Artikel „Einsamkeit im Alter“ gibt es viele kreative Tipps, wie Sie neue Kontakte knüpfen und so Ihren Geist fit halten können. 

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