Mobilitätstraining für Blinde und Sehbehinderte

Eine Sehbehinderung stellt eine große Beeinträchtigung im Leben eines Menschen dar und kann unter anderem eine starke Einschränkung der Mobilität bedeuten. Daher gibt es bundesweit spezielle Angebote im Bereich Mobilitätstraining für Personen mit eingeschränktem oder fehlendem Sehvermögen, die das Ziel haben, den Teilnehmer/innen ein selbstständigeres Leben und damit mehr Lebensqualität zu ermöglichen. In diesen sogenannten Schulungen in Orientierung und Mobilität bringen Rehabilitationslehrerinnen und -lehrer sehbehinderten und blinden Menschen bei, sich im häuslichen Umfeld und im Straßenverkehr zurechtzufinden. Die Schulungsteilnehmer/innen lernen den Umgang mit dem weißen Langstock. Bei Menschen mit starker Sehbehinderung bis hin zur Blindheit zahlt die Krankenkasse für die Schulung.  

Volker Woida, stellvertretender Vorsitzender im Bundesverband der Rehabilitationslehrer /-lehrerinnen für Blinde und Sehbehinderte e.V., klärt darüber auf, wie die Schulungsinhalte aussehen und wo man eine/n geeignete/n Rehabilitationslehrer/in findet.  

Herr Woida, für wen eignet sich die Schulung in Orientierung und Mobilität?

Im Prinzip für jeden Menschen, egal ob Jung oder Alt, der seine Umgebung nicht gut sieht – von Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen (Low Vision) bis hin zu Menschen mit fehlendem Sehvermögen (blind). Und das unabhängig davon, ob noch andere Gesundheitseinschränkungen vorhanden sind, wie zum Beispiel Gehbehinderung oder Schwerhörigkeit.  

Volker Woida, stellvertretender Vorsitzender im Bundesverband der Rehabilitationslehrer /-lehrerinnen für Blinde und Sehbehinderte e.V.

Wie gehe ich vor, wenn ich eine Schulung in Orientierung und Mobilität machen möchte?

Wenn es über die Krankenkasse bezahlt werden soll, ist ein Rezept vom Augenarzt für die Schulung in Orientierung und Mobilität erforderlich. Das bekommt man, wenn man stark sehbeeinträchtigt oder blind ist. Danach sucht man sich einen Rehalehrer in seiner Gegend. Adressen bekommen Interessenten vom Berufsverband der Rehalehrer/innen (www.rehalehrer.de) oder vom Blindenverein.  

Was ist der nächste Schritt?

Im Normalfall beginnt das Ganze mit einem Erstgespräch beim Schulungsteilnehmer zu Hause. Da fragt die Lehrerin oder der Lehrer nach dem Sehvermögen und welche Erkrankungen wohlmöglich noch vorhanden sind, die Einfluss auf die Schulung in Orientierung und Mobilität haben könnten. Die Teilnehmer erzählen, welche Ziele sie sich erst einmal vorstellen können – etwa die Bewältigung des Wegs zur Arbeit, zum Bäcker, zum Arzt oder zu Freunden und Verwandten. Dann erstellt die Lehrerin oder der Lehrer einen Schulungsplan und einen Kostenvoranschlag für die Krankenkasse. Nach Genehmigung der Kasse beginnt die Schulung anhand des Schulungsplanes.

Was sind die Inhalte der Schulung?

In der Basisschulung bringt die Lehrerin oder der Lehrer Ihnen den Umgang mit dem Langstock bei. Was kann der Langstock? Wie muss ich den Langstock führen, damit jeder Schritt, den ich tue, sicher ist? Wenn die Schulungsteilnehmer den Umgang mit dem Stock sicher beherrschen, geht es in den Straßenverkehr. Meistens erst einmal nur vor der Haustür oder da, wo es ruhiger ist. Ein ruhiges Wohngebiet ist am besten geeignet. Da lernen die Schüler, ihre Umwelt mit dem Langstock zu erkunden und zu interpretieren.  

Der Langstock hat übrigens auch eine kennzeichnende Funktion. Die Menschen machen Platz, wenn Sie ihn sehen. Zudem ersetzt er die zwei Armbinden mit Blindenzeichen, die für blinde Menschen im Straßenverkehr obligatorisch sind.  

Was folgt auf das Basistraining?

Nach dem Basistraining wird das Training komplexer. Dann wird die selbstständige und sichere Teilnahme am Straßenverkehr geübt. Wie überquere ich die ruhige Straße vor meiner Haustür? Und wie mache ich das bei mehrspurigen Straßenkreuzungen mit Ampeln? Auch das Verhalten an Bahnhöfen sowie der Einstieg in und der Ausstieg aus einem Zug wird geübt. 

Wird dem Schüler auch der Umgang mit technischen oder sonstigen Orientierungshilfen gezeigt?

Ja. Die Lehrerin oder der Lehrer zeigt etwa, wie man trotz des beeinträchtigten Sehvermögens Gebrauch von Stadtplänen machen kann. Diese müssen natürlich passend zum eingeschränkten Sehvermögen sein. Eventuell müssen der Kontrast und die Schriftgröße sehr groß sein. Oder die Inhalte müssen haptisch wahrnehmbar sein. Es kommen auch Hilfsmittel wie Lupe oder Monokular (halbes Fernglas) zum Einsatz. 

Sinnvoll kann zudem auch der Gebrauch eines iPhones sein. Dieses verfügt ab Werk über barrierefreie Funktionen. Dazu gehört zum Beispiel Voice Over, eine Stimme, die dem Nutzer sagt, was gerade auf dem Screen ist – etwa eine App oder der Namen des Menschen, den man anrufen möchte. Das kann auch dabei helfen, sich draußen zurechtzufinden und so die eigene Mobilität zu steigern. Es gibt spezielle Hilfe- und Navigationsapps für sehbeeinträchtigte Menschen, wie zum Beispiel BlindSquare oder Be My Eyes. 

Des Weiteren gibt es den naviGürtel von feelSpace. Das ist ein Gürtel, der um den Bauch geschnallt wird und mir durch Vibration anzeigt, wo Norden ist. Wenn der Nutzer in Richtung Norden geht, vibriert es vorne am Bauch. Dreht er sich zum Beispiel nach rechts, wandert die Vibration nach links in Richtung Niere. Der Gürtel kann zudem navigieren. Dazu muss man ein Ziel in die feelSpace-App eingeben, und der Weg wird durch Vibrieren angezeigt.  

Können Sie uns ein oder zwei Beispiele aus ihrem beruflichen Alltag schildern? 

Vom Arbeitsamt wurde ich einmal beauftragt, den Arbeitsweg eines von Geburt an blinden und gehbehinderten Mannes mit ihm gemeinsam zu erarbeiten. Er musste von zu Hause aus zur Bushaltestelle gehen, am Busbahnhof aussteigen und von der Bushaltestelle dann zum Hauptbahnhof gehen. Dort musste er in den richtigen Zug einsteigen und in eine 30 Kilometer entfernte, ihm unbekannte Stadt fahren, um zur Arbeit zu kommen. Unsere Schulung hat dazu geführt, dass er seinen Arbeitsweg schon nach kurzer Zeit ganz allein und nur mithilfe eines Blindenstocks täglich bewältigen konnte.

Bei einer Schulungsteilnehmerin wurde der Sehnerv durch Multiple Sklerose (Nervenschädigung) so geschädigt, dass Sie nur noch Licht wahrnimmt. Durch die Schulung mit dem Langstock nimmt Sie nun wieder aktiv am Leben teil. Und sie überlegt sich, ob ein Blindenführhund ihr zu noch mehr Lebensqualität verhelfen könnte.

Der Tipp des Experten: Überlegen Sie sich die Anschaffung eines Blindenführhunds. Dieser kann eine gute Alltagshilfe für blinde oder sehbehinderte Menschen darstellen. Da Blindenführhunde als Hilfsmittel gelten, wird sowohl ihre Anschaffung als auch ihre monatelange Ausbildung von der Krankenkasse bezahlt.

Weiterführende Infos: Für Menschen mit eingeschränktem oder fehlendem Sehvermögen besteht immer eine erhöhte Sturzgefahr – insbesondere wenn noch weitere Gesundheitseinschränkungen hinzukommen. Tipps und Hinweise, wie sich die Sturzgefahr reduzieren lässt, finden Sie in unserem Artikel zur Sturzprophylaxe. Gerade für ältere Menschen mit Sehschwäche kann auch ein Hausnotruf-System mit integriertem Sturzmelder sinnvoll sein. Lesen Sie dazu unseren Artikel zum Thema Hausnotruf-Systeme auf unserem Pflegehilfsmittelportal.

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