Seelsorge für pflegende Angehörige

„Verstehen Sie, was mich innerlich umtreibt“, fragen viele Menschen in einem seelsorgerlichen Gespräch. Es gibt Menschen, die können zuhören, denen Pflegebedürftige und Angehörige anvertrauen, was sie ansonsten niemanden sagen können. Sie können sich von der Seele reden, was sie belastet. Sie fühlen sich verstanden und getröstet. Seelsorge würdigt und achtet, was Menschen leisten, die ihre Angehörigen pflegen. Anders als Psychotherapie, die zur wissenschaftlichen Heilkunde zählt und psychische Erkrankungen und Störungen behandelt, hören Seelsorgende in einem Gespräch, was Menschen bewegt, im gutem wie im schlechten Sinne. Es entlastet, wenn Gefühle ausgesprochen werden können, die oft mit Schuld und Versagensängsten verbunden sind. Es hilft, wenn man gemeinsam und nicht allein aushalten lernt, wie hilflos wir sind, wenn das Ende des Lebens auf uns zukommt.  

Seelsorgerliches Zuhören kann man lernen. Die Evangelischen Landeskirchen bieten für hauptamtliche und ehrenamtliche Seelsorgende Kurse zur Seelsorgeausbildung an. Die Deutsche Gesellschaft für Pastoralpsychologie e.V. ist der ökumenische Fachverband für die Seelsorgeausbildung der Kirchen in Deutschland.
Die Seelsorge in Altenpflegeheimen wird teilweise von hauptamtlichen Seelsorgenden mit einem Dienstauftrag für Seelsorge im Alter gewährleistet. Die meisten Altenpflegeheime werden von den Gemeindepfarrerinnen und -pfarrer vor Ort seelsorgerlich betreut. Die Diakonie- und Sozialstationen bieten in Zusammenarbeit mit den Krankenpflegevereinen der kirchlichen Ortsgemeinden Kurse und Selbsthilfegruppen für pflegende Angehörige an. Diese Angebote für Angehörige können über die Diakonie- und Sozialstationen vor Ort erfragt werden. 

Pfarrer Johannes Bröckel vom Diakonischen Werk Württemberg gib Antworten auf die häufigsten Fragen rund um die angebotene Seelsorge für pflegende Angehörige durch die Evangelischen Landeskirchen. 

Handelt sich bei den kirchlichen Seelsorgenden um Pfarrerinnen und Pfarrer?

Die meisten Mitarbeitenden in der kirchlichen Seelsorge sind Pfarrerinnen und Pfarrer. In wachsender Zahl arbeiten Diakoninnen und Diakone und ehrenamtliche Mitarbeitende in der Seelsorge im Alter. Die Seelsorge ist ökumenisch ausgerichtet. Es wird nicht gefragt, welcher Konfession man angehört. Wer sich ein seelsorgerliches Gespräch wünscht, wird von einem kirchlichen Seelsorger oder Seelsorgerin aufgesucht. Normalerweise gibt es festgelegte Tage und Zeiten, an denen Seelsorgende Menschen besuchen. Diese Besuchszeiten sind in den stationären Einrichtungen veröffentlicht. Die ambulanten Pflegedienste in den kirchlichen Ortsgemeinden vermitteln die Anfragen von Angehörigen an die zuständigen Seelsorgenden weiter.

Pfarrer Johannes Bröckel

Fachstelle für Altenpflegeheimseelsorge in Württemberg

Über welche Themen und Probleme sprechen pflegende Angehörige typischerweise mit ihrem Seelsorger oder ihrer Seelsorgerin?

Drei Viertel aller zu pflegenden Menschen in Deutschland werden zu Hause von Angehörigen betreut. Dabei spielen oft unausgesprochene Geheimverträge eine Rolle: „Ich habe meinem Partner oder Partnerin versprochen, dass ich sie nie in ein Heim geben werden. Es ist ausgemacht, dass er oder sie zu Hause sterben darf“. Dieses Versprechen lässt sich nicht immer aufrechterhalten. Die Angehörigen empfinden es in diesem Fall als persönliches schuldhaftes Versagen, wenn am Ende eines langen Prozesses die Pflege in einem Pflegeheim notwendig wird. „Ich bin wortbrüchig geworden“, berichten Angehörige und erzählen, wie sie mit ihrem schlechten Gewissen zu kämpfen haben. Sie sind dankbar, wenn sie auf Menschen treffen, die ihr inneres Dilemma verstehen.

Wo finden die seelsorgerlichen Gespräche statt?

Durch Besuche in den Altenpflegeheimen und zu Hause kommen die Seelsorgenden auch mit den Angehörigen ins Gespräch. Dabei ergeben sich viele Möglichkeiten, offenzulegen, was im Stillen – für niemanden hörbar – die Angehörigen beschäftigt. In Zeiten der Corona-Pandemie bietet die Kirche eine Rufbereitschaft für die Seelsorge über das Telefon an. Die Telefonnummern werden in den stationären Einrichtungen veröffentlicht. Pflegende Angehörige haben die Möglichkeit, über die Telefonseelsorge, über die ambulanten Pflegedienste und die Homepage ihrer Kirchengemeinde ihren zuständigen Gemeindepfarrer oder Pfarrerin bzw. Diakone/Diakoninnen zu kontaktieren.

Spielt die Religion eine Rolle in den seelsorgerlichen Gesprächen?

„Ich bin nicht so gläubig“, reagieren viele Menschen verunsichert, wenn sie mit einem Seelsorger oder Seelsorgerin in Kontakt treten. Niemand muss über seinen Glauben reden, wenn er nicht möchte. Aber es beschäftigt Menschen im hohen Alter, wozu sie noch leben. „Welchen Sinn macht es, wenn man nur noch auf Hilfe angewiesen ist? Warum wird mir so viel zugemutet“, fragen pflegende Angehörige und kommen auf diese Weise – ob gewollt oder ungewollt – auf die Grundfragen des Glaubens – das Vertrauen in Gott – zu sprechen.

Der Tipp des Experten:
Nehmen Sie Kontakt auf mit der Evangelischen Altenpflegeheimseelsorge www.seelsorge-im-alter.de und den Seelsorgeangeboten in den örtlichen Kirchengemeinden, wenn Sie Menschen suchen, die Zeit haben, Ihnen zuzuhören. In Württemberg finden Sie die Altenpflegeheimseelsorgenden auf den jeweiligen Internetseiten der Kirchenbezirke/Dekanate der evangelischen Kirche Württemberg. Kontakt zur Telefonseelsorge: www.telefonseelsorge.de

Angehörige pflegen, genauso wie gepflegt werden, sind für beide Seiten große Herausforderungen und zumeist auch starke psychische Belastungen. Erfahren Sie in unserem Informationsportal mehr über Hilfen für pflegende Angehörige und lesen Sie auch die anderen Experteninterviews zum Thema: hier.

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