Stuhlinkontinenz: Ursachen, Behandlung und Ernährungstipps

Stuhlinkontinenz bezeichnet die Unfähigkeit, Stuhl oder Darmwind zurückzuhalten. In Deutschland leiden schätzungsweise fünf Millionen Menschen daran, wobei Frauen vier- bis fünfmal häufiger betroffen sind. Das Risiko, stuhlinkontinent zu werden, steigt mit zunehmendem Lebensalter an; die größte Risikogruppe stellen somit Seniorinnen dar. Die psychische Belastung der Betroffenen ist sehr hoch.

Heutzutage gibt es jedoch gute Behandlungsmöglichkeiten, die sich für alle Altersgruppen eignen. Welche das sind, verrät uns Prof. Dr. Dr. Nils Habbe M.A., Chefarzt der Chirurgie und Koloproktologie bei der DKD Helios Klinik Wiesbaden. In unserem Interview erklärt er zudem, wie sich Stuhlinkontinenz vorbeugen lässt, was Betroffene bei ihrer Ernährung beachten sollten und wie eine gesunde Intimhygiene aussieht.

Stuhlinkontinenz

Herr Habbe, was sind die häufigsten Ursachen für Stuhlinkontinenz?

Bei Frauen ist Inkontinenz oft die Spätfolge einer Geburt. Ein schwieriger Geburtsvorgang kann zu einer Schwächung des Beckenbodens führen, die sich dann im Alter noch verschlimmert. Das Halten von Urin oder auch Stuhl wird dadurch erschwert. 
Bei Männern zählen Prostataoperationen sowie Strahlentherapien bei Prostatakrebs zu den häufigsten Ursachen für Kontinenzverlust.

Des Weiteren kann eine Stuhlinkontinenz bei beiden Geschlechtern etwa auf neurologische Erkrankungen, Schlaganfälle, Bildung von Hämorrhoiden („Stuhlschmieren“) oder anderen Darm- und Enddarmoperationen beruhen.

Prof. Dr. Dr. Nils Habbe M.A.

Chefarzt der Chirurgie und Koloproktologie bei der DKD Helios Klinik Wiesbaden

Welche Formen bzw. Grade der Stuhlinkontinenz gibt es und welche davon sind am verbreitetsten?

Stuhlinkontinenz ist in drei Grade unterteilt. Beim ersten fehlt die Fähigkeit, Darmwind zu halten. Grad zwei bedeutet, dass weicher oder breiiger Stuhl unkontrolliert austritt. Beim dritten Grad kann auch fester und geformter Stuhl nicht gehalten werden. Am verbreitetsten sind Mischformen aus den ersten beiden Graden, der dritte ist jedoch am auffälligsten und belastet Betroffene besonders stark. An Stuhlinkontinenz dritten Grades leiden größtenteils ältere Frauen, die sich dann oft aus Angst und Scham zurückziehen, soziale Situationen meiden und dadurch vereinsamen.

Wie lässt sich einer Stuhlinkontinenz im Alter vorbeugen?

Hier gilt prinzipiell das Gleiche wie auch bei der Vorbeugung beziehungsweise Linderung von Harninkontinenz: Wichtig ist, dass der Beckenboden gestärkt wird. Hierfür gibt es spezielle Übungen, die auch pflegebedürftige Menschen unter Anleitung und eventuell auch mit Unterstützung durchführen können.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?

Es gibt risikoarme Operationen, mit denen man eine signifikante Verbesserung erreichen kann. In leichteren Fällen kann die Inkontinenz dadurch sogar ganz behoben werden. Viele dieser Operationen lassen sich auch bei hochbetagten Patienten mit sehr geringem Risiko durchführen. So ist etwa der Einsatz eines Beckenbodenschrittmachers mit einem sehr leichten, wenig invasiven Eingriff verbunden. Eine operative Behandlung ist also in vielen Fällen zu empfehlen. Zumal Betroffene und ihre Angehörigen bedenken sollten, dass Stuhlinkontinenz auch ein Risikofaktor für Dekubitus darstellt und daher eine dauerhafte Verbesserung sehr erstrebenswert ist.

Welche Ernährungstipps haben Sie für stuhlinkontinente Menschen?

Stuhlinkontinente Menschen neigen oft dazu, auf eine gesunde Ernährung zu verzichten, da sie den Stuhl weich macht. Dieser ist dann schwerer zu halten. Eine Abkehr von einem gesunden Speiseplan ist aber nicht unbedingt nötig, denn mit bestimmten Nahrungsmitteln lässt sich der Stuhl wieder verfestigen. Hierzu zählen beispielsweise Flohsamen. Mit ihnen können Betroffene die Stuhlfestigkeit gut regulieren.

Wichtig ist auch, sich anzuschauen, welche Medikamente eingenommen werden, denn diese können eventuell ebenfalls der Grund für weichen Stuhl sein. So ist etwa zu beachten, dass die meisten Tabletten laktosehaltig sind und bei Laktoseintoleranz Durchfall verursachen können. 

Was ist bei der Intimhygiene zu beachten?

Eine Reinigung mit Wasser reicht meist vollkommen aus. Von Seife oder Waschlotionen rate ich ab, denn diese können die natürliche Schutzschicht der Haut stören. Ist die betroffene Stelle gereizt, empfehle ich Zinksalbe – teure Pflegeprodukte sind da in der Regel gar nicht nötig.

Des Weiteren bin ich kein Freund von Sitzbädern, denn oft sitzen Betroffene viel zu lang in der Wanne und die obere Hautschicht wird auf Dauer geschädigt. Dies geschieht erst recht, wenn Badezusätze wie etwa Kamille, gegen die auch eine Unverträglichkeit bestehen kann, verwendet werden. Es genügt, die verschmutzte Stelle nach dem Stuhlgang mit ganz normalem Leitungswasser abzubrausen und sie anschließend zu trocknen.

Weiterführende Infos: Inkontinenzprodukte wie etwa Einlagen oder Netzhosen, aber auch Feuchtpflegetücher und Hautcremes finden Sie auf unserem Pflegehilfsmittelportal. Erfahren Sie mehr über Formen, Ursachen, und Prophylaxe von Inkontinenz sowie über Intimpflege und geeignete Hilfsmittel in unserem Dossier „Pflege bei Inkontinenz“. Zum Thema Pflegehilfsmittel und die Erstattung ihrer Kosten durch die Kassen können Sie sich hier informieren.

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