Tipps für die Pflege bei Inkontinenz

Inkontinenz gehört zu den häufigsten Beschwerden unter älteren und pflegebedürftigen Menschen. Es handelt sich dabei um ein schambehaftetes und stark belastendes Problem, das in vielen Fällen so lange wie möglich geheim gehalten wird. Die Betroffenen haben Angst, dass sie unangenehm riechen und als unsauber angesehen werden könnten. Daher ist es sehr wichtig, dass Pflegekräfte und Angehörige ihre Worte mit Bedacht wählen, wenn sie mit Betroffenen über das Thema sprechen.

Mechthild Plümpe, Pflegedienstleiterin beim ambulanten Pflegedienst Thomas Rehbein in Wiesbaden, klärt darüber auf, wie sich Kontinenz fördern lässt, welche Pflegehilfsmittel empfehlenswert sind und wo sich pflegende Angehörige zeigen lassen können, wie man die Intimpflege richtig durchführt. Zudem gibt sie Tipps für den Umgang und die Kommunikation mit inkontinenten Menschen.

Pflegehilfsmittel bei Inkontinenz

Worauf sollten pflegende Angehörige und Pflegekräfte beim Umgang mit einem hilfebedürftigen Menschen mit Inkontinenz achten?

Die Wahl unserer Worte zeigt sofort, wo wir diesen Menschen verorten. Rede ich in Babysprache mit der erwachsenen Person, dann entwürdige ich sie damit. Aus diesem Grund ist es in unserem Pflegedienst nicht üblich, von „Windeln“ zu sprechen oder gar Produktnamen wie „Pampers“ zu verwenden. Wir sprechen von Vorlagen, Einlagen, Pants oder Klebeslips.
Wenn wir vermuten, dass jemand ein Problem mit Inkontinenz hat, nähern wir uns dem Thema behutsam, aber klar. Initialfragen können zum Beispiel so lauten: „Verlieren Sie manchmal ungewollt Urin?“ oder „Tragen Sie zur Sicherheit Einlagen, um Urin aufzufangen?“.

Mechthild Plümpe

Mechthild Plümpe

Examinierte Altenpflegerin und Pflegedienstleiterin beim ambulanten Pflegedienst Thomas Rehbein in Wiesbaden

Welche Möglichkeiten der Kontinenzförderung gibt es?

Die Pflegekraft kann beispielsweise zum Trinkverhalten beraten. Was wirkt harntreibend? Zu welcher Tageszeit sollte man eher mehr und wann eher weniger trinken? Viele Menschen mit Inkontinenz trinken generell zu wenig, weil sie glauben, damit unkontrollierten Urinverlust vermeiden zu können. Sie wissen nicht, dass eine geringe Urinmenge in der Blase oftmals hoch konzentriert ist. Diese hohe Konzentration, unabhängig von der Flüssigkeitsmenge, löst ebenfalls Harndrang aus und begünstigt zudem die Entstehung einer Blasenentzündung.
Zur Kontinenzförderung sind auch begleitendende Maßnahmen, wie regelmäßiges Abführen sowie Förderung der Autonomie und der Beweglichkeit, sehr wichtig. Auch hier kann die Pflegekraft unterstützen. Bei der Kleidung sollte darauf geachtet werden, dass sie schnell und unkompliziert geöffnet und geschlossen werden kann.

Mit welchen Übungen lässt sich die Kontinenz fördern?

Beckenbodentraining ist für Frauen wie Männer eine gute Übung, die den gesamten Halteapparat im Beckenbereich stärkt. Eine gezielte Anleitung im Rahmen einer Physiotherapie ist immer sinnvoll. Die erlernten Übungen können und sollten selbständig fortgeführt werden. Sie nehmen meist wenig Zeit in Anspruch und lassen sich gut in den Alltag integrieren. So kann man zum Beispiel beim Anstehen in der Kassenschlange unauffällig die Beckenbodenmuskulatur an- und entspannen.
Darüber hinaus empfehle ich sehr die Teilnahme an Selbsthilfegruppen. Hier trifft man andere Betroffene und fühlt sich nicht mehr allein mit dem Problem. Man hört und lernt viel von anderen und stärkt damit das eigene Selbstbewusstsein.

Was ist bei der Intimpflege zu beachten?

Hilfsmittel wie Einlagen, Pants und Slips müssen gut passen. Qualitativ hochwertige Produkte enthalten einen sogenannten Superabsorber, der Flüssigkeit und Geruch bindet. Der Rücknässefaktor von diesem Material ist so gering, dass eine Schädigung der Haut durch Feuchtigkeit nahezu ausgeschlossen werden kann. Wichtig ist allerdings, dass eine Vorlage häufig genug gewechselt wird.
Die Außenfolie sollte atmungsaktiv sein, um Schwitzen zu vermeiden.
Zur Reinigung der Haut reicht klares, lauwarmes Wasser. Möchte man auf Waschlotion nicht verzichten, eignen sich ph-neutrale Syndets. Zum Eincremen der Haut sollte man niemals Vaseline oder Penatencreme verwenden, sie verstopft die Poren. Sollte ein Hautschutz vorübergehend nötig sein, so gibt es hervorragende Barrierecremes, die, dünn aufgetragen, nach außen gegen Reizstoffe schützen.
Auch von zinkhaltigen Salben würde ich eher abraten, weil die Entfernung der Rückstände eine mechanische Reizung der Haut verursacht, die unbedingt vermieden werden sollte.
Wichtig ist zudem, keine Baby-Produkte zu verwenden. Eine reifere Haut braucht eine andere Versorgung.

Welche Hilfsmittel empfehlen Sie?

Neben den bereits genannten aufsaugenden Materialien gibt es technische Hilfsmittel wie Urinflaschen oder Toilettenstühle sowie Bettschutzeinlagen und wasserabweisende Matratzenauflagen. Für Männer sind Kondomurinale sehr praktisch und, bei richtiger Anwendung und geeigneter Passform, eine sichere Versorgung.
Übrigens sind die meisten Hilfsmittel verschreibungs- und damit erstattungsfähig.
Von Dauerkathetern rate ich unbedingt ab, weil sie die Gefahr einer Infektion mit sich bringen und zu enormen Folgeschäden führen können, wie zum Beispiel Druckgeschwüren in Harnröhre und Blase. Außerdem sind sie extrem unkomfortabel. Ebenso ist zu beachten, dass für einen Dauerkatheter eine medizinische Indikation vorliegen muss, wie beispielsweise eine Harnabflussstörung. Inkontinenz ist keine gültige Indikation.

Welche Hilfsmittel empfehlen Sie für inkontinente Menschen, die häufig draußen unterwegs sind?

Wer unter Inkontinenz leidet und sich länger außer Haus aufhält, sollte neben der ausreichenden Aufsaugkapazität besonders auf eine bequeme Passform und auf nicht knisterndes Material achten. Viele Produkte werden als Einzelstücke verpackt angeboten und können diskret in einer Tasche mitgeführt werden. Sie sollten für die betreffende Person einfach zu wechseln sein.
Ganz falsch ist es, sich mehrere Einlagen gleichzeitig zu nutzen. Das hat zur Folge, dass das Material zu eng am Körper anliegt. Besser ist es, die Einlage vor der Verwendung einmal längs zu knicken und wie ein Schiffchen in die Hose zu legen. So hat der Urin Platz und die Einlage Zeit, die Flüssigkeit aufzusaugen. Hohe Aufsaugfähigkeit bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Vorlage dick sein muss.
Ein noch viel zu wenig bekanntes „Hilfsmittel“ ist der „WC-Finder“, eine manchmal sehr nützliche App auf Ihrem Smartphone.

Wo können sich pflegende Angehörige zeigen lassen, wie man die Intimpflege richtig durchführt?

Für eine ausführliche und professionelle Beratung empfehle ich eine Pflegeschulung nach § 45 SGB XI durch einen Pflegedienst. Diese Leistung kann bei der Pflegekasse beantragt werden. Bei einer Bewilligung werden die Kosten dafür komplett übernommen.
In manchen Krankenhäusern und urologischen Praxen gibt es zudem Fachberaterinnen und -berater, die Kontinenzsprechstunden anbieten.

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Der Tipp der Expertin

Haben Sie Mut und sprechen Sie über Ihr Problem. Es gibt mehr Hilfe, als Sie vielleicht denken. Sie können nur gewinnen: Verständnis und Lebensqualität.

Weiterführende Infos: Inkontinenzprodukte wie etwa Einlagen oder Netzhosen, aber auch Feuchtpflegetücher und Hautcremes finden Sie auf unserem Pflegehilfsmittelportal. Weitere Tipps für die Pflege bei Inkontinenz sowie Ratschläge für den Umgang mit Betroffenen gibt es in unserem Dossier zum Thema „Pflege bei Inkontinenz“. Mehr zum Thema Pflegeschulung erfahren Sie in unserem Experteninterview „Pflegekurse: kostenlose Schulung für Pflegende“.

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