Pflegende Angehörige brauchen stärkere Lobby

In Deutschland basiert die häusliche Pflege vor allem auf § 1618a BGB („Pflicht zu Beistand und Rücksicht“). Darin ist festgelegt: „Eltern und Kinder sind einander Beistand und Rücksicht schuldig“. Aus familien- und generationensolidarischen Gründen wird die Sicherstellung der Pflege der eigenen Eltern als moralische Verpflichtung angesehen und ist gesetzlich vorgeschrieben. Angehörigenpflege kann jedoch eine enorme Belastung darstellen und führt in manchen Fällen gar zu gesundheitlichen und psychischen Schäden bei den Pflegenden. Daher ist hier die Politik gefordert: Die Situation der pflegenden Angehörigen muss verbessert werden.
Die Stiftung WIR! regt die Lobbybildung von pflegenden Angehörigen in jeder Kommune, jedem Sozialraum an. Weiter schafft sie Schnittstellen zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.

„In allen diesen Strukturen müssen Angehörige selbst sagen können, was sie brauchen“, sagt die Gründerin der Stiftung Brigitte Bührlen, die sich selbst lange Jahre um die Pflege ihrer an Demenz erkrankten Mutter gekümmert hat. Sie erzählt uns, vor welchen Schwierigkeiten pflegende Angehörige stehen, wie die Politik ihre Situation verbessern kann, aber auch was die Angehörigen selbst tun können.

Frau Bührlen, Sie haben Ihre an Demenz erkrankte Mutter 20 Jahre begleitet, davon sieben Jahre in häuslicher Pflege. Wie beurteilen Sie das deutsche Pflegesystem aus der Sicht einer ehemaligen pflegenden Angehörigen?

Das deutsche Pflegesystem ist auf dem Papier perfekt geregelt. Allerdings stellt es nicht die Bedürfnisse von Pflegebedürftigen und Pflegenden in den Mittelpunkt. Ich musste mir bei der häuslichen Pflege meiner Mutter Informationen zusammensuchen, um zu erfahren, wie die Rahmenbedingungen der Pflege und die Ansprüche gegenüber der Pflegekasse sind. Ich wusste nicht, wer informiert, wer wofür zuständig ist und welche Leistungen Pflegebedürftigen zustehen.

Brigitte Bührlen

Gründerin von WIR! Stiftung pflegender Angehöriger

Empfanden Sie als pflegende Angehörige die Entlastungsleistungen der Pflegekasse als ausreichend?

Die Entlastungsleistungen für Pflegende Angehörige sind angesichts ihres Einsatzes nicht angemessen. Angehörige stehen in keinem Vertragsverhältnis mit einer Pflegekasse. Es gibt keinen Kostenträger für die Arbeit von Angehörigen. Durch die von Pflegekassen finanzierten Leistungen sollen Angehörige aber gesund erhalten werden, damit sie möglichst lange pflegen können. Ein Teil der finanziellen Leistungen, die Pflegebedürftige von Ihren Pflegekassen erhalten, kann an einen pflegenden Angehörigen weitergegeben werden, muss aber nicht.

Unter bestimmten Voraussetzungen stehen pflegenden Angehörigen ein Zuschuss zur Arbeitslosen-, Unfall- und Rentenversicherung zu. Angehörige können sich eine Auszeit von ihrer Arbeit nehmen und dafür Gelder der Pflegeversicherung des Pflegebedürftigen verwenden. Weitere Unterstützung ist mangels Kostenträger nicht vorgesehen. In einigen anderen EU-Staaten gibt es zumindest Steuererleichterungen für die Angehörigenpflege. In Skandinavien, wo die Pflege kommunal organisiert ist, können Angehörige gar von den Kommunen angestellt und steuerfinanziert bezahlt werden.

Welche Aspekte des Pflegesystems haben in Ihren Augen einen dringenden Reformbedarf?

Ein Problem ist, dass unter „Pflege“ vor allem professionelle Pflege verstanden wird, also ein Beruf zum Gelderwerb. Viele Pflegekräfte sind privat zusätzlich auch pflegende Angehörige. Beide Funktionen gemeinsam leisten „die Pflege“. Es muss eine rechtssichere Definition der Tätigkeiten von pflegenden Angehörigen erfolgen, eine Art „Arbeitsplatzbeschreibung“.

Eine flächendeckende Lobby der pflegenden Angehörigen muss gebildet werden. Ihre Vertreter müssen gemeinsam mit denen professioneller Pfleger an den Tischen von Entscheidern sitzen. Es muss ein Mitsprache- und Mitbestimmungsrecht eingeräumt werden.
Die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf muss gesetzlich geregelt werden.

Welche Lösungen können Sie sich für den wachsenden Mangel an professionellen Pflegekräften vorstellen?

Unser gesamtes Pflegesystem sollte strukturell auf den Prüfstand gestellt werden. Es muss den Anforderungen einer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts angepasst werden. In Zukunft sollten professionelle Pflege und Angehörigenpflege sich besser ergänzen und Hierarchien abgebaut werden. Pflegende Angehörige müssen für ihre unverzichtbare Sorgearbeit einen angemessenen finanziellen Leistungsausgleich erhalten. Es muss mehr fließende Übergänge zwischen ambulanter und stationärer Versorgung geben. Die Bedürfnisse von Pflegebedürftigen und Pflegenden müssen künftig im Mittelpunkt aller Planungen, Konzepte und gesetzlicher Rahmenbedingungen stehen. Pflegende Angehörige müssen Sitz und Stimme an allen relevanten Runden Tischen zum Thema „Pflege“ bekommen.

Der Tipp der Expertin:
Pflegende Angehörige können an ihrem Wohnort herausfinden, wo es andere pflegende Angehörige gibt, sich mit ihnen in Verbindung setzen und gemeinsam überlegen, was einem am Wohnort fehlt oder was ausgebaut werden sollte. Dann kann man einen Brief an den Bürgermeister schreiben oder einen Termin ausmachen, die Anliegen vorbringen und um einen Platz in kommunalen Gremien ersuchen. Anliegen pflegender Angehöriger müssen überall in Entscheidungen zum Thema „Pflege“ mit einfließen.

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