Medikamente im Alter: Risiken minimieren

Bereits ab dem 40. Lebensjahr nehmen die Funktionsleistungen von Herz, Lunge, Nieren, Leber, Gefäß und Immunsystem Jahr für Jahr kontinuierlich ab. Die Folge ist, dass der Körper krankheitsanfälliger wird. Nicht selten haben ältere Menschen daher mehrere Erkrankungen gleichzeitig und müssen somit täglich verschiedene Medikamente einnehmen. Doch diese sogenannte Polypharmazie ist nicht immer unbedenklich. Je nach Wirkstoffen kann es zu unangenehmen bis hin zu lebensgefährlichen Wechselwirkungen kommen. Darüber hinaus ist es bei manchen Medikamenten sehr wichtig, dass sie entsprechend dem Alter der Patientin oder des Patienten dosiert werden. Denn der Organismus älterer Menschen reagiert anders auf bestimmte Arzneistoffe als der jüngerer. 

Christiane Sauret, pharmazeutisch-technische Assistentin sowie Fachberaterin für Senioren in der Apotheke, erklärt, was ältere Menschen bei der Einnahme von Medikamenten beachten müssen und warum es sich oft empfiehlt, sich umfassend von einer Pharmazeutin oder einem Pharmazeuten beraten zu lassen.  

Frau Sauret, bei vielen Senioren müssen mehrere medikamentöse Behandlungen parallel durchgeführt werden. Wie lässt sich sicherstellen, dass es nicht zu gefährlichen Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten kommt?

In der Tat leiden ältere Menschen oft an mehreren Krankheiten gleichzeitig („Multimorbidität“ im Alter) und müssen somit mehrere Medikamente einnehmen, sodass Wechselwirkungen entstehen können. Daher ist es wichtig, dass jede medikamentöse Therapie sorgfältig geplant und überwacht wird. Vor allem aber muss der Patient in jedem Fall die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt darüber aufklären, welche Arzneimittel er bereits nimmt.  
Der Zeitpunkt der Einnahme kann hier übrigens eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen: Viele Neben- und Wechselwirkungen können bei richtiger Dosierung und Einhaltung des korrekten Einnahmezeitpunkts vermieden werden. 

Christiane Sauret

Christiane Sauret

Pharmazeutisch-technische Assistentin sowie Fachberaterin für Senioren in der Apotheke

Sollte man sich auch von der Apothekerin oder dem Apotheker beraten lassen, um Medikationsfehler sicher zu vermeiden – gerade bei Einnahme mehrerer Medikamente?

Die Ärzte, welche die Medikamente verschreiben, wissen natürlich, welche Wechselwirkungen möglich sind. Doch manchmal wird der Patient von mehreren verschiedenen Ärzten aus unterschiedlichen Fachrichtungen betreut. In solchen Fällen kann es passieren, dass ein Arzt etwas verordnet und nicht weiß, dass die Patientin oder der Patient bereits ein anderes Medikament, verordnet von einem anderen Arzt, einnimmt. Je nach Wirkstoffen, kann es dann zu unerwünschten Wechselwirkungen kommen. Daher muss die Ärztin oder der Arzt – wie schon erwähnt – unbedingt in Kenntnis über alle bereits verordneten Medikamente gesetzt werden. 

Es lohnt aber auch, sich umfassend von einer Pharmazeutin / einem Pharmazeuten oder einem/einer PTA (Pharmazeutisch-technische/r Assistent/in) in der Apotheke beraten zu lassen. Die Apotheker und PTA sind immerhin die Arzneimittelexperten und wissen ganz genau, wie die Wirkungsweisen von Medikamenten sind. Zudem kennt der Apotheker vor Ort seine Kunden häufig seit vielen Jahren und ist vertraut mit ihrer psychischen und physischen Verfassung, kennt den familiären Hintergrund und hat alle relevanten Informationen in der Kundenkartei vorliegen. Dementsprechend fährt man sicherer, wenn man sich auch die Einschätzung des/der Apothekers/-in oder PTA einholt. Letztlich hat aber natürlich immer der behandelnde Arzt die Therapiehoheit. Er entscheidet darüber, welche Medikamente der Patient einnehmen darf und soll. 

Wieso ist es bei älteren Patienten besonders wichtig, auf die richtige Dosierung zu achten? 

Das hat verschiedene Gründe. Zunächst einmal ist zu berücksichtigen, dass sich durch das Alter die Zusammensetzung des Körpers im Hinblick auf den Wasser- und Fettanteil ändert. Der Körper eines jungen Mannes besteht zu etwa 20 Prozent aus Fett und zu 50 bis 60 Prozent aus Wasser. Bei Frauen liegt der Fettanteil etwas höher. Unabhängig vom Geschlecht nimmt der Fettanteil im Alter auf bis zu 30 Prozent zu. Der Anteil des Gesamtkörperwassers verringert sich hingegen auf 30 bis 40 Prozent. Aus diesem Grund wirken Medikamente, die sich im Fettgewebe anreichern, bei älteren Menschen länger. Häufig beobachtet man diesen Effekt bei Beruhigungsmitteln, wie zum Beispiel bei der Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine. Dieser Effekt hat zur Folge, dass der Wirkstoff im Körper am nächsten Morgen noch in viel zu hoher Menge vorhanden ist und dass somit ein erhöhtes Sturzrisiko bestehen kann. Bei Medikamenten, deren Wirkstoffe sich hingegen vor allem im Körperwasser verteilen, kann es schnell zu einer zu hohen Konzentration im Blut kommen (zu hoher Medikamentenspiegel).

Oft sind auch eingeschränkte Leber- oder Nierenfunktionen beim älteren Menschen der Grund dafür, dass bei der Dosierung Besonderheiten beachtet werden müssen. Die Leistungsfähigkeit der Nieren nimmt ab dem 40. Lebensjahr um rund 1 Prozent pro Jahr ab. Bei Diabetes und hohem Blutdruck kann sich die Nierenfunktion noch stärker verringern. 

Was kann passieren, wenn bei der Dosierung von Medikamenten das Alter der Patientin oder des Patienten nicht berücksichtigt wird?

Bei Medikamenten, die nicht entsprechend dem Alter der Patientin oder des Patienten dosiert sind, können Nebenwirkungen auftreten, wie zum Beispiel Schwindel und damit eine erhöhte Sturzgefahr, Magen-Darm-Unverträglichkeiten, wie etwa Sodbrennen, Magenschmerzen und Durchfall, oder eine erhöhte Blutungsneigung, um nur einige zu nennen.  

Prinzipiell ist die Gefahr von Nebenwirkungen insbesondere dann hoch, wenn mehrere Medikamente eingenommen werden. Umso wichtiger ist in solchen Fällen – gerade bei einer neuen Medikation – die enge Kontrolle durch den Arzt und auch die Rücksprache mit dem Apotheker vor Ort. 

Gibt es bestimmte Wirkstoffe, die im Alter eher zu meiden sind?

Eine gute Grundlage zur Erfassung von Wirkstoffen, die im Alter besser gemieden werden sollten, ist die Priscus-Liste. Diese führt Substanzen und Substanzklassen auf, die im Alter schlecht vertragen werden, und gibt Empfehlungen für die klinische Praxis, wenn eine potenziell ungeeignete Medikation unvermeidbar ist. In der Priscus-Liste findet man Empfehlungen für die klinische Praxis, beispielsweise Monitoring-Parameter oder Dosisanpassungen. Ferner werden Therapiealternativen genannt. Diese Liste ist allerdings an Fachkreise adressiert. 

Ein gutes Beispiel für Besonderheiten bei der Therapie von Senioren sind Medikamente zur Blutdruckbehandlung. Im Alter fehlen die sogenannten „Kompensationsmöglichkeiten“, das heißt, dass Blutdruckschwankungen nicht mehr so gut ausgeglichen werden. Kreislaufwirksame Arzneien können bei älteren Menschen häufiger zu Schwindel und dadurch zu Stürzen führen. Auch hierbei gilt: Eine enge Kontrolle durch den Arzt ist zwingend erforderlich. Gleiches gilt auch für Medikamente für das Nervensystem. Denn ältere Menschen reagieren empfindlicher auf Medikamente, die am Nervensystem und am Gehirn ansetzten oder dort Nebenwirkungen verursachen.

Der Tipp unserer Expertin: Lassen Sie sich regelmäßig und ausführlich in Ihrer Apotheke zu Ihrer Medikation beraten. Ihr Apotheker vor Ort klärt auch, ob die verschriebenen Medikamente dem Körper wichtige Mineralstoffe rauben und was Sie dagegen tun können. 

Weiterführende Infos: Lesen Sie auch unseren Beitrag zum Thema richtige Lagerung von Medikamenten

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